Die Landkarte ist nicht das Gebiet. Von einbetonierten Glaubenssätzen und dem hinterfragen des eigenen Weltbildes!

Jeder, der sich einmal mit Konstruktivismus auseinander gesetzt hat, weiß darum, dass es im Leben nur wenige objektive Wahrheiten gibt. Viel mehr sehen wir uns „Versionen“ und „Perspektiven“ gegenüber. Selbst in der Wissenschaft, die wohl noch nie so sehr in aller Munde war wie 2020, gilt etwas nur so lange als wahr und akzeptiert, bis etwas neues bewiesen wurde.

Im Grunde sagt der Konstruktivismus aus, dass wir Menschen alle ein Bild von der Realität in unseren Köpfen tragen. Niemand jedoch die Realität selbst. Allein durch unseren anatomischen Sehapparat bedingt sich das. Die Augenlinse bündelt das Licht, welches von einem Objekt – zb. einer Wiese – in unser Auge fällt. Die gebündelten Lichtstrahlen landen auf unserer Netzhaut und werden von dort durch Sehnervenzellen weitergeleitet in unser Gehirn. Am Ende nehmen wir ein Bild der Wirklichkeit wahr. Die Wirklichkeit selbst bekommen wir rein biologisch nie zu Gesicht.

Und so verhält es sich nun auch mit Landkarten und den Gebieten. Eine Landkarte ist ein möglichst maßstabgetreues Abbild des Gebietes. Nie aber das Gebiet selbst. Man könnte also sagen, dass derjenige, der sich selber aus möglichst vielen Perspektiven noch kein Bild gemacht hat, schwer nah an die Realität heran kommt. Selbst wenn ich in ein Gebiet reise, so kann ich doch immer nur die eigene Perspektive einnehmen und die anderen maximal gedanklich.

Lässt man also für einen Moment mal den Gedanken zu, dass das eigene Bild der Welt – kurz das Weltbild – nur bedingt richtig ist weil unvollständig, so ergibt sich, dass es wahnsinnig viel zu entdecken gibt. Der eigene Horizont lässt sich also mit einer gewissen Offenheit und Neugier, ein wenig Mut und Bereitschaft unbegrenzt erweitern. Und darum möchte ich wie so oft in meinen Beiträgen Fragen stellen:

1.Was wäre so schlimm zu akzeptieren, dass das eigene Weltbild nicht vollständig ist?

2. Warum macht es so viel Angst, das eigene Weltbild anzupassen?

3. Was genau schmerzt in der Akzeptanz, dass „der oder die andere vielleicht einmal Recht hat?“

Ich denke, wer in der Tatsache „Unrecht“ zu haben oder weniger Wissen als jemand anders, die Chance sieht, das eigene Weltbild zu verändern, dem gelingt es auch mit einem „ah interessant, das wusste ich noch nicht“ zu reagieren.

Ich stelle eine Hypothese auf. Diejenigen unter uns, die Veränderung als das einzig Sichere im Leben zu akzeptieren oder es gar schaffen Veränderung willkommen zu heißen, die schaffen auch friedfertig zu akzeptieren, dass das eigene Bild der Wirklichkeit immer nur ein Bild ist. Kurz, dass die eigene Wirklichkeit immer unvollständig ist. Wie oft haben wir alle unser handeln schon falschen Hypothesen folgen lassen, weil wir dachten, etwas „sei“ ? Unser denken vom „sein“ erschafft dann unsere Wirklichkeit und diese kann im schlimmsten Falle üble Handlungen zur Folge haben.

Hier ein extremes Bildnis. Wer sich schon einmal mit dem psychischen Krankheitsbild der wahnhaften Psychose befasst hat, kann sich vorstellen, dass es Menschen gibt, die im eigenen Wahn nicht davon abzubringen sind, dass sie verfolgt werden. Sie glauben nicht, dass sie verfolgt werden. Sie „wissen“ es. Für so echt halten sie eigene Gedanken oder gar Stimmen, die ihnen dies bestätigen. Aus eben diesen eigenen Wirklichkeiten können selbst- oder fremdverletzende Handlungen folgen und zum Glück kann man heute helfen.

Nun ist natürlich nur ein Bruchteil der Menschheit psychotisch. Zum Glück. Und dennoch gibt es so viele Menschen, die derart einbetonierte Glaubenssätze in sich tragen, dass sie sich einfach nicht vorstellen können und es schon gar nicht wahr haben wollen, einmal Unrecht zu haben. Glaubenssätze sind tief in uns angelegte Überzeugungen, die Wirklichkeit erzeugen. Das muss man sich bewusst machen. Sie erzeugen Wirklichkeit, denn der Mensch muss sich auf Verhaltensebene ja die Richtigkeit seines Glaubenssatzes beweisen. Und somit entsteht Wirklichkeit, indem ich mir auf Verhaltensebene beispielsweise beweise, dass die tief verwurzelte Überzeugung „ich bin immer allein“ tatsächlich stimmt, indem ich zb. Beziehungen verhindere. Ganz ohne es zu bemerken. Manch einer sieht es als „Pech im Leben“, stets allein ohne Beziehung und soziale Kontakte zu sein. Immerhin „stimmt es doch“ und „ist ein Fakt“. Manch anderer, so er bereit ist eigene Glaubenssätze und das eigene Weltbild zu überprüfen, erkennt, dass er diese seine Wirklichkeit erschafft. Die Überzeugung „ich bin immer allein“ ist schließlich so alt, einbetoniert und sogar vergessen, dass ich mir ihre Validität beweise und prompt für mein Alleinsein sorge. So habe ich wenigstens Recht behalten.

Ich hoffe, ich kann durch meine Worte dafür werben, mit den alten tief verwurzelten Überzeugungen und Weltbildern aufzuräumen, denn der Entdeckergeist ist unermesslich. Es birgt gar unbegrenzte Chancen, das eigene Leben zu bereichern, indem wir zulassen, dass an unserer Realität wahrscheinlich weit weniger dran ist, als wir das glauben. Wir sollten es jedoch als Möglichkeit zum Wachstum statt Bedrohung erkennen. Und wenn das auch nich leicht ist, so hilft vielleicht der ein oder andere Perspektivenwechsel, den ich wiederum durch Fragen ermöglichen will.

1.Warum gelingt es, das eigene Unwissen ohne jegliche negative Emotion zu akzeptieren, wenn ich meinen gegenüber neugierig etwas frage? Und was ist hier „besser“ im Sinne von „zieldienlicher“ als in einer hitzigen Diskussion im Kampf um das „Recht“?

2. Geht es in der einen Situation um das pure Erweitern von Wissen samt kindlicher Neugier und im anderen Fall ums bloße „Recht haben“ oder gar gewinnen?

3. Geht es in Kommunikation vielleicht gar nicht um gewinnen oder verlieren?

4. Bin ich vielleicht genau so viel wert, wenn ich auf einem Gebiet weniger Wissen trage als jemand anders?

5. Ist eine Entdeckerreise ohne große Pläne nicht eine unglaubliche Horizonterweiterung? Kann mir ein Gegenüber mit mehr Wissen in einem Gebiet nicht genau das ermöglichen?

6. Kann es sein, dass du einfach dringend das letzte Wort haben möchtest oder haben musst und alles andere als eine Art Niederlage siehst?

7. Kann es dir helfen, deinem Gegenüber das letzte Wort freiwillig zu „schenken“?

8. Ist es möglich, dass deine Gedanken falsch sind ?

9. Wie würde es sich ohne deine belastenden Gedanken leben? Stelle dir vor, du könntest sie gar nicht denken?

10. Ist es denkbar, dass jemand mit dem letzten Wort dennoch „Unrecht“ behält oder ist das letzte Wort per Naturgesetz richtig?

11. Warum bezahlen wir Klavier- Yoga oder Spanischlehrer, die nun wirklich etwas besser wissen, wenn wir es im Diskurs nicht ertragen „unwissend“ zu sein.

An dieser Stelle noch etwas, dass ich immer wieder gerne aufführen, dass vielen Nutznießern von Therapie und Coaching wahrhafte Veränderung oder Erleichterung verschafft.

„Nicht eine Situation ist das Problem, sondern unsere Bewertung.“

Das würde bedeuten, dass nicht das „Rechthaben“ unseres Diskurspartners schlimm ist sondern unsere Gedanken dabei, sprich unsere Bewertung der Situation oder gar unseres Selbst. Vielleicht tut gar nicht das „Rechthaben“ unseres Diskuspartners weh sondern die Abwertung meines Selbst und was ich von mir denke?

Was könntest du also beim nächsten Mal, so du merkst „dein Gegenüber hat wohl Recht“ stattdessen von dir denken? Was würde dir helfen statt einer Abwertung deines Selbst und einer Aufwertung des anderen?

Ich möchte teilen, was ich mir schon so oft gewünscht habe. Nämlich, dass mein Gegenüber Recht hat oder Recht behält und ich nicht. Und warum? Nun, oft ist es so, und das erlebe ich 2020 ganz besonders, dass es einem deutlich besser ginge, wenn sich ein Bild des Gegenüber bewahrheiten würde.

Wenn du also beim Lesen beobachtet hast, dass es schmerzhaft, unbequem oder Angst auslösend sein könnte, zu erkennen, dass die eigene Wahrheit vielleicht in manchen Dingen gar nicht so wahr ist, dann folge diesem Gefühl und fühl dich eingeladen zu reflektieren, welche Chancen sich dahinter verbergen. Achte vor allem ganz besonders darauf, wie du mit dir umgehst und was du von dir denkst, wenn du spürst, jemand anders könnte einmal mehr Wissen besitzen.

Ein tolles Zitat:

„Die Angst zeigt dir den Weg. Gehe dort hin, wo sich deine Angst befindet und deine Angst verschwindet.“

Immer der Angst entlang.

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